Die dunkle Seite der Achtsamkeit (mindfulness)

Die dunkle Seite der Achtsamkeit (mindfulness)

Falls Sie mit Meditation bzw. Achtsamkeitstraining (z.B. MBSR) angefangen und voller Hoffnung waren, dass Sie ab jetzt damit ‘nur Positives’ erleben, könnte es hilfreich sein, auch einen Blick auf die ‘Kehrseite’, die “dunkle Seite der Achtsamkeit” zu werfen.

Achtsamkeit als “freundliches Gewahr-sein dessen, was in diesem Augenblick da ist” , ist – bildlich gesprochen – so etwas wie das Anzünden eines Lichts, und sei es ‘nur’ ein Streichholz. Dieses Licht des Bewusstseins beleuchtet im Grunde nur die Dinge, die sowieso da sind – sowohl im Inneren (Gedanken, Gefühle, Körperwahrnehmungen) als auch im Äußeren; angefangen von den Wohnräumen, Ihrer Wohngegend, aber auch den Menschen und Beziehungen mit denen Sie Kontakt haben.

Achtsamkeit als Prozess des Erwachens

Achtsamkeit ist (auch) wie der Abstieg in die Unterwelt oder zumindest in einen dunklen Keller, der voller alter Dinge ist, die teilweise noch zu gebrauchen, teilweise kaputt, teilweise vergammelt sind. Manches davon wartet darauf, weggeschmissen oder verschenkt zu werden, manches will repariert werden und dann kommt da oft so ein Gedanke dazwischen wie: “Wann soll ich mich darum kümmern?!”, “Das ist alles viel zu viel – ich kann mich gar nicht entscheiden, wo ich anfangen soll!!!” – Und dann kann der Impuls auftauchen, den Keller am liebsten wieder zu zuschließen und irgendwann später mal wieder rein zu schauen, wenn man mal mehr Zeit hat.

Mit der Entwicklung der Achtsamkeit kann sich herausstellen, dass ‘die Dinge’ in Wirklichkeit gar nicht so sind, wie Sie bisher glaubten, dass sie sein sollten oder wie Sie sich erwünscht hatten.
Beispielsweise dass Sie viel weniger Kontrolle über Ihre ‘eigenen’ Gedanken und Gefühle haben – sowohl inhaltlich als auch wann sie ‘auftreten’ oder dass Sie viel kürzer achtsam sein können, bevor Sie Ihre Gedanken wieder entführen.

Es kann auch sein, dass Sie durch die Entwicklung der Achtsamkeit auch bemerken, dass Ihre Lebenssituation, Ihre Beziehungen oder ‘irgendwie Ihr ganzes Leben’ gar nicht so befriedigend bzw. passend ist, wie Sie es sich möglicherweise all die ganzen Jahre vorgemacht haben, als Sie noch mehr in der ‘Traumwelt’ (Illusion) gelebt haben.

Und es könnte passieren, dass Sie auf diese Beobachtung mit Ärger, Unzufriedenheit, Ungeduld, Unruhe und/oder Anklage reagieren. Und auch wenn diese Reaktionen eigentlich nur auftreten, wenn bestimmte Gedanken vorhanden sind (z.B. “Ich kann das mit der Achtsamkeit immer noch nicht”, “Das mit der Achtsamkeit ist ja gut und schön, ändert aber nichts an meinen Gefühlen”), liegt die Tücke daran, dass Sie entweder solche unterschwelligen Gedanken gar nicht wahrnehmen – obwohl Sie da sind und wirken – oder sie zwar wahrnehmen, aber sie dann als “Wahrheit” betrachten, weil sie so mit ihnen identifiziert, verstrickt, verbunden sind.
Auch das Wahrnehmen, wie oft Sie eigentlich in Gedanken sind oder dass die ganze Zeit das “Geplapper im Kopf” aktiv ist, kann frustrierend, unangenehm oder gar ärgerlich sein.

Die Entwicklung von Achtsamkeit kann als ein Prozess des Erwachens gesehen werden, der Sie mehr und mehr in die Realität bringt – auch wenn der Traum (= “Gedanken-Welt”) schöner, behaglicher, lebendiger erschien, war es bisher jedoch eben nur eine Erscheinung, eine Scheinwelt, eine Illusion.
Und manchmal ist das Erwachen eher wie ein Sturz aus dem Bett, der zwar unangenehm bis schmerzhaft sein kann, aber immerhin dafür gut ist, dass Sie Ihren Körper zur Toilette gehen lassen um dort die Blase zu entleeren….

Der Innere Antreiber (Voice Dialogue – Hal & Sidra Stone) oder “Meditation bis zum Umkippen”

Es kann auch vorkommen, dass Sie den Sinn und Nutzen der Achtsamkeitspraxis erkannt haben und ‘den Prozess’ beschleunigen möchten, indem Sie z.B. viele Übungsabende, Wochenendangebote oder Retreats (mehrtägige Veranstaltungen) besuchen.

Dabei kann es vorkommen, dass Sie von einem “Inneren Antreiber” (Voice Dialogue) getrieben werden, der generell alles ‘schneller, besser, erfolgreicher’ machen will und erst zufrieden ist, wenn Sie ein bestimmtes Ergebnis erreicht haben.
Verzweifelt sitzen Sie dann auf Ihrem Meditationskissen oder Meditationsbank und zwingen sich so achtsam zu sein (z.B. auf ihren Atem zu achten) als würden Sie einen Preis dafür gewinnen –  OHNE dass Sie dieses Angetrieben-Sein zunächst wahrnehmen.
Buchstäblich kann es vorkommen, dass Sie meditieren wollen, obwohl Ihr Körper in der Meditationshaltung am Einschlafen  ist (‘wegnicken’) und Sie umzukippen drohen.

Frustration, Erschöpfung und Selbstvorwürfe ‘es immer noch nicht richtig zu machen’, könnten eine Folge dieser ‘falschen Motivation zur Achtsamkeitspraxis’ sein.
Dann hilft (nur) Innehalten und sich die entsprechenden Gedanken-Muster achtsam anzuschauen und freundlich zu sich selbst zu sein….

Hier gibt es einen passenden Audio-Beitrag von Thomas Hübl:

“Für Meditation gibt es keine Lorbeeren. Alles, was du durchs Meditieren bekommst, ist, dass du siehst, was du alles verlierst. Unser konditioniertes System von Belohnung gibt es in der Meditation nicht. Und das ist das Schöne. Es gibt niemanden, für den wir es machen. Die Sehnsucht nach dem Ende der spirituellen Reise ist die Fortsetzung einer Person, die von wo kommt und wohin geht. Und das ist uninteressant.”
Thomas Hübl

Um den “Achtsamkeitsprozess” zu erleichtern, kann die Ba-Mo-Meditation (Balance-Movement-Meditation) hilfreich sein.

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One Response to Die dunkle Seite der Achtsamkeit (mindfulness)

  1. Ulrich Just sagt:

    “Den Leistungsgedanken” (Innere Antreiber) habe ich auch im Text “Zen im Alltag”*** von no-mindness gelesen (interpretiert):

    Mein Kommentar zum Text:

    “… Für mich ! etwas bedenklich: Die Aussage “Es reicht nicht, wenn …. wir täglich 25 Minuten Zazen üben”. und der Vergleich von Achtsamkeit u. Meditation mit Marathonlauf. Bei mir kommt da so ein ‘Leistungsgedanke’ an.

    Und zu “Erst im Sesshin werden wir auf die Probe gestellt.”
    “Meine Probe” ist der “stink-normale Alltag”, die unzähligen Situationen, in denen ich manchmal erwische, wie ich mehr im ‘Kopfkino’ bin, als in der ‘realen’ Welt um mich herum …..”

    [Quelle: ~www.no-mindness.de/zen-im-alltag/#comment-236″; *** = HINWEIS: Die Domain existiert nicht mehr; Mai 2013 ]

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